In die Bar

 
Du siehst dich in der Bar um, die du zum letzten mal vor langer Zeit gesehen hast – damals, noch auf der alten Ty-Gokor-Station, kurz, bevor sie ihren jetzigen Namen bekam und umgebaut wurde. Auf der neuen Station hat sie die gleiche Position, im mittleren der fünf Promenadendecks.
 
Und sie hat sie hat sich so sehr verändert, dass du das Gefühl hast, in einer ganz anderen Welt zu sein. Vorher wirkte die riesige Bar wie eine Abflughalle auf Capella, mit dem "Tresen" in der Mitte um eine Säule herum, alles von roten Lauflichtern umrahmt, so düster wie eine Cyberbar auf Anthrax 9 und so gemütlich wie ein Hinterhof auf Sreesht. Die Lauflichter wirkten im besten Falle augenreizend und im schlimmsten Falle kreuzte ein vogelähnlicher Ryxi auf, der von der Blinkfrequenz der Lauflichter zu sofortigem Balztanz angeregt worden wäre... was gewöhnlich mit der zwangsweisen Neueinrichtung der Umgebung endet.
 
Aber nun? Die Bar scheint vom Ausmaß her erheblich kleiner zu sein als vorher. Der Tresen schwingt sich jetzt wie ein Fragezeichen an der Wand entlang, die unförmige Säule wird von einem Spalier verdeckt, das von verschiedensten Pflanzen überwuchert ist – angefangen von einem großblättrigen klingonischen Heliotrop über gefiederte Farne von Yastra bis zu winzigen blauen Sternblüten vom fernen T!ora. Auf unauffällige Weise gliedert der Raum sich in verschiedene Bereiche auf, die sich immer wieder miteinander verzahnen und mehreren Spezies ideale Voraussetzungen zum "Wohlfühlen" geben: Es gibt schwere Möbel und Felle für Klingonen, kargen Utilitarismus für Vulkanier, weiche Polster für Menschen, brettharte rauhe Ebenen für Feliden... und sogar eine neutral, nahezu steril eingerichtete Zone wie in jedem gehobenen Sternenhafen. Wortlos staunst du die gewaltige Veränderung an.
 
"Du bist zum ersten Mal in der Bar? Setz dich, Fremder... trink etwas mit mir..."
 
Der alte Mann, der dir das zuraunt, ist ein facettenäugiger Händler von T!ora. Ein leicht empathisches Volk, er musste deine Verwunderung angesichts des Treibens an diesem Ort gespürt haben. Wie du ist er weit weg von seinem Planeten, also setzt du dich zu ihm und betrachtest die Wesen der verschiedenen Rassen, die hier die Annehmlichkeiten der Bar in Anspruch nehmen. Dein Blick bleibt an einer Gestalt haften…
 
"Was schaust du? Die Frau da? Ja, die ist echt, kein Hologramm. Die haben hier tatsächlich eine lebendige Frau als Wirtin! Sieh nur hin..."
 
Als erstes fallen dir ihre Augen auf. Schwarze, wirklich tiefschwarze Mandelaugen, in denen Iris und Pupille nicht zu unterscheiden sind. Dann erst bemerkst du ihr alterslos scheinendes, leicht gebräuntes Gesicht, zu dem die schneeweißen Haare so gar nicht passen wollen.
 
Sie bringt dir einen Raqtajino, und wenn du sie nach ihrer Rasse fragst — und spätestens beim Anblick der sehr spitzen Ohren tut das hier fast jeder — lächelt sie nur und antwortet: "Nayeesh, a'dan venda tong ideans..." Das bringt dich zwar überhaupt nicht weiter, aber allein beim Klang ihrer Stimme wünscht du, dass sie es noch mal sagen möge.
 
Aber sie wendet sich von dir ab und schreitet durch die Bar. Ihr langes, wallendes Gewand schmiegt sich um ihre Glieder — du könntest fast denken, es sei Spinnenseide, wenn diese nicht so teuer wäre. Graziös wie bei einer Tänzerin sind ihre Gesten, und selbst die klingonische Sprache besitzt eine ungeahnte Klangfülle und Musikalität, als sie den yaS wa'DIch, den 1. Offizier der Station begrüßt. Er ist kurz angebunden, aber das scheint sie nicht zu stören. Ein paar hingeworfene klingonische Worte, ein helles Auflachen, dann geht sie wieder auf den Tresen zu, vorbei an einer Gruppe Erzarbeiter, die aus dem Asteroidengürtel von Thalion zu kommen scheinen. Sie werden doch nicht...? Und schon ist es passiert — einer der vierschrötigen Männer will sie auf seinen Schoß zerren.
 
Eine sechsfingrige Hand ergreift dich am Gürtel und versucht, dich auf deinen Platz zurückzuziehen. "Bist du verrückt, Mann? Misch dich nicht ein, wenn du keinen Ärger haben willst!"
 
Du hattest nicht einmal bemerkt, dass du aufgesprungen warst, um der Frau zu helfen. Ein wenig verlegen setzt du dich wieder — und siehst nur noch aus dem Augenwinkel zwei kleine Fäuste blitzartig vorschnellen und mit ungeahnter Wucht auf dem Brustkorb des Mannes aufprallen, während ein zierlicher Fuß in silberner Sandale sich hinter ein Stuhlbein hakt. Der überraschte Erzarbeiter kippt mit Schwung samt Stuhl nach hinten und muss sich prompt das Gelächter seiner Kameraden gefallen lassen. Einer von ihnen klopft der Frau freundlich auf die Schulter und grinst: "Nichts für ungut, Kleine — er musste die Erfahrung eben machen, uns wollte er ja nicht glauben!" Sie lächelt sinnverwirrend zu dem Schulterklopfer auf und tanzt davon.
 
"Ich hab's dir ja gesagt, Mann. Misch dich nicht ein." Die nadelspitzen Zähne des Händlers von T!ora blitzen in einem kurzen, fast väterlichen Grinsen auf. "Und weißt du, was das Tollste ist? Sie ist ein Captain der Sternenflotte!"
 
Du weißt nicht mehr, wie lange du schon in der Bar bist — aber schließlich sind außer ein paar Feliden, deren Diskussion wie ein größerer Katzenkrieg klingt, nur noch ein hünenhafter Klingone und du und sie da. Du sitzt am Tresen, gefangen von ihren Augen. Wenn man lange genug hineinsieht, meint man, in den Tiefen des Raumes zu schweben, nur umgeben vom Funkeln der Sterne. Mit Mühe reißt du dich von ihren Sternenaugen los und fragst zögernd nach ihrem Namen. Die Antwort ist ein Silberklang:
 
"Fayala Al-Madakh' van Eupe." Dann beugt sie sich vor, stützt die Arme auf, und während du erneut in ihrem Augen versinkst, hörst du ihre Stimme: "Ihr seid also mit der Phoenix im Spiralnebel von Sitralos gewesen?" Ein kaum wahrnehmbares Hauchen: "ERZÄHLT mir davon...."
 
Am nächsten Morgen bekommst du kaum die Augen auf. Mühsam schlenderst du zu den Promenadendecks, um zu frühstücken. Du kannst dir nicht verkneifen, einen Blick durch die Panzerglastüren in die Bar zu werfen – welche Veränderung. Alles ist blitzsauber, aber das Spalier ist hochgezogen, um die unveränderte Säule mit der Reihe von Replikatoren freizugeben – dafür ist der Tresen hinter einer Wand verschwunden. Jemand tippt dir von hinten auf die Schulter, du fährst kampfbereit herum und läßt beschämt die Fäuste sinken. Vor dir steht sie, in makelloser Uniform, jedes weiße Haar an ihrem Platz, nicht einmal ansatzweise beunruhigt, sondern leise lächelnd:
 
"Es tut mir leid, aber die Bar öffnet erst wieder heute Abend..."
 

In die Bar